Bloggen über Burn Out

10.05.2011 Leif-Erik Wollenweber (Kommentare: 0)

Burn-out - Modethema, gar Hype oder Kennzeichen der postindustriellen Fließbandführungskraft?

Es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht und ich blogge. Den diversen Checklisten in Spiegel, Stern, Focus & Co. zufolge qualifiziert mich das bereits zu 68,7% zu einem Burn-out-Kandidaten. So las ich neulich in einem Coaching-Newsletter, daß ein auf Burn-out spezialisierter Coach seinem Mandanten spätnachts auf seine Emails antwortete, also offenbar selbst einen Balken vor der Stirn habe.

Aus der Arbeitspsychologie heraus aber wissen wir, dass dem nicht so sein muss. So taugt bspw. meine jetzige, ebenfalls abendliche Aktivität nicht zum Ausbrennen, da sie anspruchsvoll, interessant, motivierend und vor allem, freiwillig, das heisst jederzeit zu unterbrechen ist. Wer weiss, ob besagter Coach nicht eine Extremeule ist? Worauf es ankommt, ist die Kontrolle, die ein Mensch über seine Entscheidungen, seine Arbeitsinhalte, seine Arbeitszeiten und seinen jeweiligen Intensitätsgrad bei seiner Arbeit hat. Je anspruchsvoller die Arbeit und je größer die Freiheiten, desto motivierender und dynamischer oft der Mensch. Nur zum Getriebenen darf er nicht werden, nicht von sich - Selbstausbeutung des Selbstständigen wäre hier ein Thema - vor allem aber nicht vom Chef. Denn je höher die Komplexität, je größer die Verantwortung und je geringer die Gestaltungsfreiheit, desto einengender empfinden wir die Situation. 

Unsere Arbeitshypothese also lautet: Je enger das Korsett, je geringer die Kontrolle, desto größer das Gefühl der Ausweglosigkeit, des "ImHamsterRadGefangensein" - englisch: Rat Race. Folge psychiatrisch formuliert: Depression, vulgo: Burn-out! Und dieser kann sogar tödliche Folgen haben.

Frühe Indizien die dafür sprechen: Die Kriegsgefangenenlager des 20 Jahrhunderts mit der bis dato höchsten Todesrate waren in Nordkorea. Die dort nach dem Koreakrieg inhaftierten US-Soldaten wurden, was immer das heissen mag, vergleichsweise wenig physisch gefoltert. Allerdings unterzog man sie gezielt und zermürbend einer besonderen Art der Folter: Kommunikation wurde unterbunden, indem Denunziantentum gefördert wurde, wurde ein Klima des Mißtrauens geschaffen, positive Nachrichten aus Briefe und Nachrichten aus der Heimat wurden vernichtet, nur Negatives wie Todesfälle, Scheidung der Ehefrau etc. wurden - dann sofort - weitergeleitet. Die Behandlung zielte darauf ab, jegliche seelische Anker- und Stützpunkte der Gefangenen zu rauben, ihren Willen zu brechen.

Nun sind westliche Arbeitgeber keine nordkoreanischen Psychofolterknechte, jedoch können wir daraus lernen, dass sich Entmenschlichung desaströs auf Körper und Geist auswirkt. Wer will sagen, ob der Multiprojektarbeiter, der zudem auch noch Managementaufgaben übernehmen soll nicht genauso leidet, wie der Fließbandarbeiter im Manchesterkapitalismus vorheriger Jahrhunderte?

Was könnte Coaching tun, wenn Menschen sich in Ausweglosigkeit gefangen fühlen, kein Land mehr sehen? Die einfachsten Mittel sind vielleicht die effektivsten: Alternativen aufzeigen, Perspektiven ändern, den Klienten seinen Punkt am Horizont finden lassen.

Dieser Punkt ist für mich jetzt 0 Uhr!

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