Warum Beratung ohne Coaching nicht funktioniert

07.12.2010 Leif-Erik Wollenweber (Kommentare: 1)

Vor meiner Selbstständigkeit als Coach war ich als Wirtschaftsförderer und Manager in Industrie- und Handelskammern oft mit existenziellen Krisen von Unternehmen konfrontiert. In vielen, eigentlich fast allen Fällen hatten die Unternehmer und Führungskräfte jedoch kein Erkenntnisproblem. Sie wußten, wo die Fehler, Schwächen und Risiken lagen - und sie wußten, was eigentlich zu tun war. Und es wurde ihnen von uns auch noch einmal geraten. Nur, sie taten es nicht. Es fand sich immer ein Grund, warum die auf der Hand liegende Lösung nicht ging oder nicht angegangen wurde. Irgendein Grund. Das faszinierte mich. 

Ich vermutete, dass die Hinderungsgründe nur vorgeschoben waren. In der Geschichte des Managements hatten es manche Heroen aus weit aussichtsloseren Situationen geschafft, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Warum sollte es also hier nicht möglich sein. War es also vielleicht das, was man so gern zu Kindern sagt: "Kann ich nicht heißt will ich nicht!"?

Aber es konnte doch nicht sein, dass gestandene Manager und Unternehmer sehenden Auges in Richtung Untergang steuerten? 

Ein besonders krasser Fall ist mir haften geblieben. Er fällt mir immer wieder ein, wenn ich über die Frage nachdenke, was geht in einem Menschen wohl vor, wenn es Spitz auf Knopf, wie in einen dunklen Tunnel hinein geht? Eine Unternehmerin war sehr gut in ihrem Fachgebiet, hatte aber massive Defizite im Bereich der betriebswirtschaftlichen Unternehmensführung und stand vor einem finanziellen Desaster. Dringendst sollte sie ihre Finanzen ordnen, bevor über haupt wieder an Marketing und Neukundenakquise zu denken war. Zwei Monate später kam sie wieder. In Tränen aufgelöst, Unternehmen pleite, und privat insolvent. Was hatte sie inzwischen getan? Finanzen geordnet? Nein! Sie hatte die ganze Zeit in Marketing und Neukundenakquise investiert und so die wertvolle Zeit verloren, ihre Existenz zu sichern.

Zu sagen "Wer nicht sehen will, sieht weniger als ein Blinder" oder "Wer nicht hören will muss fühlen" war mir zu kurz gegriffen und auch makaber. Die Frau hatte ja das Äußerste ihrer Energie gegeben, nur eben in die falsche Richtung. Sie hat das getan, was sie am Besten konnte, nur leider nicht das, was in der Situation angebracht war. Wie jener Mann, der nachts seinen Schlüssel im Gebüsch verlor, ihn dann aber unter der Straßenlaterne suchte, weil es dort heller war. Menschen sind nicht rational, und Unternehmer wie Manager sind auch nur Menschen. 

Gerade der Fall hat mich überzeugt: Es reicht nicht, allein den richtigen Weg zu zeigen, wer als Berater erfolgreich sein will, der sollte auch dabei helfen, aufzubrechen, diesen Weg zu beschreiten und ihn auch bis zum Ende zu gehen.

Wenn es sich um ein Umsetzungsproblem handelt, nicht um ein Erkenntnisproblem, dann braucht es Beratung und Coaching im Verbund. Strategien sind rational in der Theorie aber emotional in der Wirkung und Umsetzung. Deshalb müssen die Menschen von der Spitze bis zum Fuße der Pyramide einbezogen werden.

Dies war mich Auslöser und Grund, eine Ausbildung zum Coach und Moderator von Change Management - Prozessen zu beginnen. Ich wollte beginnen zu verstehen, wie Menschen Veränderungen begegnen und mit ihnen umgehen. Und wie ihnen geholfen werden kann, die für sie richtigen Lösung zu finden und anzugehen. 

Als Sinnspruch dazu gefiel mir sehr gut Erich Kästner`s "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Daher habe ich CoaMAX auch den Slogan "Get going" zugeschrieben, auf Englisch zwar, aber ich denke, es ist auf den Punkt gebracht. 

Wenn über 60% der Fusionen und Unternehmensübernahmen scheitern, dann meist aus dem Grund, dass menschliche Widerstände unterschätzt und nicht weil die erforderliche due diligence nicht ordentlich erledigt wurde. Im kleinen wie im großen Rahmen bedarf es deshalb der organischen Verbindung von Beratung und Coaching. Roswitha Königswieser bezeichnet das sehr treffend als "Komplementärberatung". Da ich glaube, dass neben diesen beiden Feldern auch die Kommunikation, und zwar mit Mitarbeitern, Kunden und Stakeholdern, mitgedacht werden muss, verwende ich den Begriff der "integrierten Beratung".

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Kommentar von Dr. Bernd Schabbing | 22.12.2010

so ist es - leider ist es immer wieder eher ein Problem der Umsetzung als der Erkenntnis - weil es dem Menschen offensichtlicht oft unendlich schwer fällt, einmal begangene Wege und Routinen zu verlassen und neue, andere Wege zu gehen - aber, so sagt das Sprichwort: "alles muss sich ändern, damit es bleiben kann, wie es ist..."